Fla.-Raketenabteilung - 231 (FRA-231)

In der Zeit 1961 bis 1964 wurden neben den Jagdgeschwadern (JG) fünf Fla-Raketenregimenter (FRR) mit je vier Feuerabteilungen und einer Technischen Abteilung neu aufgebaut und den Luftverteidigungsdivisionen zugeordnet. So entstanden 1961 in den Orten Weggun (bei Prenzlau), Kreuzbruchhof (bei Burg– Stargard), Eichhof (bei Ferdinandshof) und Altwarp je eine Fla.-Raketenabteilung. Alle vier Abteilungen bildeten das Fla.-Raketenregiment 17, später in 23 umbenannt. Der Stab des Regiments wurde in Stallberg (bei Pasewalk) stationiert.
Westlich, nordwestlich und östlich waren weitere Fla.-Raketen-Truppenteile entstanden. Westlich war das FRR-13 vorgelagert, und der östliche Nachbar war das 36. Flugabwehr- Raketengeschwader der 26. polnischen Artillerie- Brigade (Standort Dobra) der 26. Artilleriebrigade (Standort Gryfice) der polnischen Volksarmeee, unweit Stettins. Zu der in Dobra stationierten Abteilung unterhielt die FRA-231 freundschaftliche Verbindungen. Die Fla.-Raketentruppen wurden bis zu ihrer Auflösung weiter ausgebaut und modernisiert. Und nordwestlich formierte sich in den 1970er Jahren die 43. Fla-Raketenbrigade, ein Großverband, der am Ende mit modernster Technik ausgerüstet war.

Welche Aufgaben aber waren der 231. Abteilung zugeordnet?

Nach westlichen Ansichten wäre ein Erfolg der Kampfhandlungen der NATO-Streitkräfte gegen die Staaten des Warschauer Vertrages bei einem möglichen Konflikt nur bei schneller Erzielung der Luftüberlegenheit und Operationsfreiheit der Landstreitkräfte über den Territorien der Staaten des Warschauer Vertrages möglich gewesen. Dazu hätten zunächst die Luftstreit- und Luftverteidigungskräfte zerschlagen und niedergehalten werden müssen. Diese Aufgabe wäre in erster Linie der 2. und 4. Alliierten Taktischen Luftflotte (ATAF) und Kdo Ostseeausgänge , stationiert auf dem Territorium der Bundesrepublik, zuteil geworden.
Das Luftbild rechts zeigt die alte Stellung. Sie ist durch den Zaunverlauf und die kreisförmige Einbahnstraße noch gut markiert, mittlerweile dürfte jedoch alles zugewachsen sein. Innerhalb der Ringstraße waren sechs Startrampen symetrich angeordnet. Die Zuwegung zu den Startrampen waren so angelegt, dass sich die pausenlose Beladung der SR mir Raketen ohne gegenseitige Behinderungen durchführen ließen. Rechts, etwas außerhalb des Areals war in den Anfangsjahren, bis 1965 eine 57 mm Flakbatterie zum Selbstschutz entfaltet. Diese wurde 1965 aufgelöst und durch eine 23 mm Flakbatterie ersetzt.Diese wurde nur im Mobilmachungsfall entkonserviert und mit Reservisten besetzt.
Diesen Kräftegruppierungen gehörten amerikanische, britische, kanadische, belgische, niederländische und bundesdeutsche Luftstreitkräfte an. Immerhin konnten beide Flotten ca. 1200 Luftangriffsmittel für den Einsatz bereit stellen. Kurzfristig hätten weitere Kräfte aus Übersee nachgeführt werden können. Danach wurde die Luftverteidigung mit einer entsprechenden Struktur aufgebaut und gruppiert. Im Norden der Republik (DDR) wurde die Luftverteidigung durch die 3. Luftverteidigungsdivision (3. LVD) organisiert. Die Grenze verlief nördlich von Berlin. Den Südteil lag in der Verantwortung der 1. LVD. Das Fla.-Raketenregiment 23 bestand aus dem Regimentsstab, einer technischen Abteilung und 4 Feuerabteilungen in den Standorten Altwarp (FRA-231), Eichhof (FRA-232), Burg Stargard (FRA-233) und Weggun (FRA234). Die Technische Abteilung und der Stab der Regimentes befanden sich in Stallberg (Pasewalk).
Um das Überraschungsmoment durch den angenommenen Luftgegner auszuschließen, gab es ein gestaffeltes System der ständigen Gefechtsbetreitschaft, das "Diensthabende System"! Es gab drei Stufen der Bereitschaft im DHS. Die höchste war Stufe BII! Fünfzig Prozent der Abteilungen befanden sich ständig in dieser Bereitschaftsstufe, was höchste Belastungen des Personalbestandes erforderte. Der Übergang zu aktiven Handlungen (bis zum Raketenstart betrug nur 3 Minuten.

Die FRA-231 bildete mit den anderen Abteilungen des Regimentes und den Abteilungen der polnischen Armee eine geschlossene Luftverteidigungszone. Die durch Kreise unten dargestellten Wirkungszonen überlappen sich. Die Radien betragen ca. 35 km in Höhen von ungefähr 20 km. In diesen Zonen wäre eine wirksame Bekämpfung von Fluzeugen mit hoher Wahrscheinlichkeit, usw. möglich gewesen. Ausweichmanöver gegnerischer Flugzeuge waren in diesen Zonen erschwert und massive Anflüge hätten effektiv bekämpft werden können. Die Odermündung und Oderübergänge waren besonders gefährdet, weil Im Falle eines Luftangriffes aus nördlicher oder westlicher Richtung hätte die Aufgabe der Abteilung bestanden, diesen abzuwehren. Dieser defensiven Aufgabe ordnete sich das gesamte militärische Leben in der Abteilung unter.

Alle Luftverteidigungseinheiten waren im Diensthabenden System (DHS) des Warschauer Vertrages stationiert. Die Technik war rund um die Uhr besetzt, und von allen Soldaten wurde eine hohe Verfügungsbereitschaft gefordert. Das DHS schränkte Urlaub und Freizeit beträchtlich ein. Den Forderungen dieser Stufe ordneten sich alle Belange des täglichen Dienstes und der Freizeit unter. Daraus ergaben sich außerordentlich hohe persönliche Belastungen und Einschränkungen für den Personalbestand als auch für jeden Einzelnen. Die Anwesenheit des Personals in der Dienststelle musste immmer ca. 70% des aktuellen Stellenplanes betragen. Das war auch an Sonn- und Feiertagen der Fall. Danach richteten sich Ausgang und Urlaub. Diesen Einschränkungen waren alle Armeeangehörigen unterworfen. Diese übertriebenen Sicherheitsstandards waren Forderungen der sowjetischen Führung, bedingt aus der historischen Erfahrung des Überfalls der deutschen Wehrmacht 1941 auf die Sowjetunion.

Die "Fla-Raketen" waren streng geheim!. Jeder Armeeangehöriger unterlag der Geheimhaltungspflicht. Im Dienstgebrauch sprach man von „Produkten“ oder „Erzeugnissen“. Die Feldstellung in der die Raketen aufgestellt waren oder das Raketenlager wurden als „Objekte“ bezeichnet. So gab es das A-Objekt, das B-Objekt, usw.. Das änderte sich auch von Fall zu Fall. Alle Angehörigen der Abteilung waren für die Altwarper Einwohner die „Objekter“. Sie sind es bis heute geblieben!
Die Feldstellung, etwa 2 km südwestlich von der Kaserne entfernt aufgebaut, war ein umzäuntes Areal von ca. 14 bis 16 ha. Es lag mitten im Wald und wurde gut bewacht. Ein dreifacher Zaun umgrenzte die Stellung. In der Mitte verlief ein Hochspannungszaun. Jeder Pilzsammler, der sich dem Areal näherte, wurde schon als verdächtig beäugt. Die Wahl des Standorts hatte zwei Gründe. Einmal die schon erwähnte, fast krankhafte Geheimhaltung dieser neuen Waffengattung und es galt, die Technik zu verbergen. Und zweitens den Schutz der Menschen und Gebäuden vor herabfallenden Raketenteilen im Falle eines Raketenstarts im Kriegsfall. Bei einem Raketenstart wäre der ausgebrannte Startbeschleuniger der Rakete nach ca. 3 Sekunden abgefallen. Leergewicht immerhin noch ca. 300 kg.
Anfang der 1980er Jahre änderte man dieses Versteckspiel nach der Devise: „Schussfeld geht vor Tarnung“. Denn der umgebende, mit der Zeit hochgewachsene Wald schränkte das Funkmessfeld (Radarfeld) ein. In den Jahren 1986 bis 1989 entstand dann eine neue Stellung nördlich hinter der Siedlung, gleich am Wasser.